Stadt ist Bühne - Nachtfahrt durch Tokio

Bildserie - 10 Stills aus einem Digitalfilm
Kassel / Tokio 2003/05

Die Stills dieser Serie sind einem Digitalfilm entnommen, der während einer Fahrt durch das nächtliche Tokio aufgenommen wurde. Thema dieser Serie sind nicht die Bilder des rational durchdringenden ( = dokumentierenden ) Auges, sondern die, die sich der Atmosphäre der nächtlichen Stadt nähern, dieser Stadt, in der sich Menschen und Autos in unablässigem Strom durch die Straßen schieben. Gezeigt werden hier jedoch nicht Enge und Gedränge, sondern die Atmosphäre, die entsteht durch das flüchtige Zusammenwirken von Architektur, Kommerz und Passieren von nächtlichen "Zwischen-Räumen". (Sabine Stange, 2006)

" Wenn man die "Stadt als Bühne" sieht - wie Sabine Stange das für ihre Arbeiten nahe legt - dann geht es um die Präsens der Dinge im kurzen Augenblick des Vorüberfahrens, um (visuell) eingesammelte Bruchteile einer Zeit in einem Raum. ... In den Fotografien, die sie uns als Stills zeigt, können wir diese Annäherung verfolgen. Zunächst das relativ ruhige, klare Nachtbild, in dem Linien und Flächen, Schriftzeichen zum Beispiel und Farben in einer Raumtiefe noch zu Unterscheidungen und Orientierungen dienen. Indem das Auto fährt, aus dem heraus gefilmt wird, ... lösen sich Flächen, klare Konturen auf. ... Unschärfe verändert die Körperlichkeit der Figuren und der architektonischen Räume: Schemen unterschiedlicher Dinge und "dunstiger" Farbräume sind nur deshalb noch als gehende Menschen, Wände, Eingänge, Straßen zu erkennen, weil wir auch im ganz und gar reduzierten, flüchtigen Formenvokabular unsere Vorstellung der Realität noch unterbringen. ... Die Bewegung des Autos und die Bewegung auf der Straße - im Bild gegeneinander laufend - fixieren im Bild eine Projektion, die Unheimlichkeit und nicht (rational) Entdecktes unscharf ineinander fließen lassen. Damit ist das angesprochen, um was es Sabine Stange auch entscheidend geht: wie sich Atmosphäre vermittelt und wahrgenommen wird, wie sie zwischen den sichtbaren beweglichen und unbeweglichen Zeichen, zwischen Licht und Dunkel wächst und die Bilder anfüllt, ... wie aus dem auffindbaren, erfahrbaren Bildraum ein nahezu fiktiver wird, der nur an der Grenze des Verwischten, beinahe Aufgelösten noch existiert. ... Diese Bilder sind visuelles, dramatisch aufgeladenes Ereignis, das wir zu lesen lernen und als autonomes, in den eigenen Gesetzmäßigkeiten wirkendes Medium sehen. (Die Künstlerin fordert uns dazu auf), das Fremde in einer atmosphärischen Verdichtung zu erleben."

Dr.Gertrude Betz, 2005