#arbeitdesmonats 11.2019: Christiane Hamacher

Christiane Hamacher
Ikonen sind Abbilder. Sie zeigen das mit irdischen Mitteln nicht Vorstellbare. Dank ihnen erhielten Jesus Christus, die Mutter Gottes, die Apostel und Heiligen ein Gesicht. Damit hatten Ikonen schon früh in der Geschichte des christlichen Glaubens, wohl ab dem vierten oder fünften Jahrhundert, eine wichtige Rolle. Zu Abertausenden schmücken sie bis heute die Kirchenräume und sind doch mehr als bloßes Zierwerk: Ikonendarstellungen haben eine Botschaft. Sie sind Kultbilder, sollen Ehrfurcht wecken für das, was sie zeigen. Ein goldener Hintergrund umschmeichelt die gemalten Figuren und verleiht ihnen Strahlkraft. Oft geht die Ehrfurcht für die Abgebildeten sogar auf das Abbild über: Die Darstellung selbst wird angebetet, soll Trost spenden, Hilfe bringen.

Was aber, wenn eine Ikone nicht Petrus, Johannes den Täufer oder die Madonna abbildet, sondern einen Igel, ein Eichhörnchen oder eine Blaumeise? Nach dem Gesetz der Ikone wird dann das gezeigte Geschöpf zum Gegenstand der Verehrung. Und wirklich: Wer der filigranen Feinheit von Stacheln, -- Haar- oder Federkleid nachspürt, wie sie sich gegen das flächige Gold stemmt, verspürt unweigerlich Ehrfurcht für das Original, die Schöpfung. Gleichzeitig schwingt beim Betrachten immer ein ironischer Unterton mit. Im Ernst? Ein Feldhase als Anbetungsobjekt?

Und was, wenn auch solche Tiere in den Ikonenstand erhoben werden, die gemeinhin nicht gerade als niedlich oder ansehnlich gelten? Die winzig, kaum beachtet oder sogar verachtet sind? Ein Ohrenkneifer, eine Ratte, Schnecken mit und ohne Haus... Im Licht des Ikonengolds und auf ein Vielfaches ihrer tatsächlichen Größe gebracht, entfalten auch sie ihren Reiz. In den Ikonen erfahren die wenig beliebten Kreaturen so etwas wie ihre ästhetische Rehabilitation. Eine Schönheit auf den zweiten Blick, die entdeckt werden will. - Diese Bilder sind es auch, die die ironische Brechung auf die Spitze treiben. Wird hier die Kellerassel auf eine Stufe gestellt mit der Heiligen Jungfrau? Das ist doch fast schon Blasphemie. Oder etwa das genaue Gegenteil?

Text: Gabriele Sümer
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